Wittlich – Faschismus-Vorwurf von Hrdlicka: Glaubensbekenntnisse versus Lippenbekenntnisse. Versuch einer Relativierung.

Wittlich – Faschismus-Vorwurf von Hrdlicka: Glaubensbekenntnisse versus Lippenbekenntnisse. Versuch einer Relativierung.

Die Verführung und die Verführbarkeit der Menschheit zieht sich durch die Schöpfungsgeschichte und durch die Evolution der menschlichen Ziviliation seit dem Urbeginn der Menschheit: Gemeint ist die Verführung und die Verführbarkeit der Menschen zum Bösen.

Das Böse erleben wir tagtäglich in vielen kleinen hässlichen Dingen, die uns passieren: man redet schlecht, man wird belogen und betrogen, man wird geschubst, diskriminiert, gemobbt, gedemütigt usw. Andererseits reden wir u.U. selber schlecht, lügen, betrügen, schubsen, mobben, diskriminieren usw.

Das ist der ewige Kreislauf von Schuld, Einsicht, Sühne, Vergebung und wieder neuer Schuld. Manchmal tun wir Menschen weh, ohne es zu merken. Manchmal tun wir es bewusst. Manchmal tun wir Menschen weh und unrecht aufgrund von Sachzwängen, die sich ergeben aus dem geringsten Übel: sogenannte Kollateralschäden, die man in Kauf nimmt.

Dies könnte man bezeichnen als den „täglichen kleinen Faschismus“, der uns begegnet oder den wir ausüben. Keiner ist dagegen gefeit. Alle sitzen im selben Boot. Keiner ist gefeit gegen Verführung und Tendenzen der Verfürung, nicht einmal der Priester, der Gutmensch und nicht einmal der erklärte Antifaschist. Die Verführung kommt meist schleichend daher und erfordert ein allzeit waches Bewusstsein und ein ständiges Sich-Auseinander-Setzen mit den sich wandelnden Methoden der Verführung. Das kann man vergleichen mit Antivirenschutzprogrammen, wo man ständig die neuste Version aktualisieren muss, um sich effektiv gegen diese Viren schützen zu können.

Dem gegenüber zu stellen ist das organisierte Böse, das strukturelle Böse, das bewusst gewollte Böse, das gesellschaftlich organisierte diktatorische und totalitäre Böse im Allgemeinen und das faschistische Böse im Speziellen, was bezogen wird auf die Verbrechen der Nazidiktatur unter den Nationalsozialisten.

Wenn wir diese Ideologie übertragen in die Gegenwart, dann sprechen wir von „Neo-Nazitum“. Hier müssen wir unterscheiden zwischen faschistischen Tendenzen, die eindeutig und zielgerichtet eine Revision und strukturelle Wieder-Einführung des Naziregimes organisieren und herbeiführen wollen (was eine kleine Minderheit, der so genannte harte Kern ist) und auf der andereren Seite faschistoide Tendenzen, d.h. Mitläufer, die leicht zu beeinflussen sind, die man leicht infizieren und kontaminieren kann und wo eine gewisse Bereitschaft zu erkennen ist, (oft auch in Unkenntnis historischer Zusammenhänge) nationalsozialistisches Gedankengut zu verharmlosen.

Diese faschistoiden Mitläufer benutzen gegebenenfalls ohne erkennbare innere Distanz die Sprache und die Rituale der Nazis und verkünden angebliche „Wahrheiten“ des Nationalsozialismus, ohne sich als Solches erkennen zu geben. Heraus kommt ein brauner Mischmasch von beliebigen und austauschbaren Binsenweisheiten, gebetsmühlenartig nachgeplapperten dumpfen und braunen Parolen, mit denen man sich gerne am Biertisch wichtig macht und die so klingen, als hätte man sich irgendwann mal im Leben über irgendetwas fundiert Gedanken gemacht, was in den allermeisten Fällen nie der Fall war.

Diese Leute schauen sich in der Regel erst einmal in der Runde um, ob auch genügend „Dumpfbacken“ ihresgleichen anwesend sind, die in ihr braunes Gerede mit einstimmen und um sicher zu gehen, dass sie einerseits zahlenmäßig überlegen sind und im Zweifelsfall genügend Zeugen zu Verfügung haben, die sich im Ernstfall auch nicht scheuen würden, jeden Meineid zu schwören, um ihre Haut zu retten, weil sie insgeheim genau wissen, dass sie Müll reden und dass sie, bei wortgetreuer Auslegung des Gesetzes, sogar ohne Weiteres zur Rechenschaft über ihr Gesagtes gezogen werden könnten.

Dies soll erst einmal genügen zur Begriffsbestimmung und zur Differenzierung der Materie.

Im folgenden will ich eingehen auf die Behauptung des Wiener Künstlers Hrdlicka im TV in Bezug auf seine provokative Äußerung, dass angeblich 50% der Deutschen und der Österreicher immer noch Faschisten seien und in Bezug auf seine Äußerungen, dass dies angeblich eine Rolle spiele im Wittlicher Kulturstreit:

Erst einmal sollten wir die provokanten Äußerungen von Hrdlicka in diesem Zusammenhang nicht allzu sehr auf die Waagschale legen. Hrdlicka fühlt sich aufgrund seiner persönlichen Lebensgeschichte und seiner künstlerischen Arbeit offensichtlich dazu berufen, um wachzurütteln und als Mahner aufzutreten. Die Wachsamkeit vor den organisierten Rechtsradikalen ist mit Sicherheit angebracht. Mitläufer und offene sowie heimliche Sympathisanten stellen in so fern eine Gefahr da, als sie den Weg bereiten für das Anwachsen rechtsradikaler Tendenzen und als sie Schwachstellen unseres demokratischen Systems gezielt ausnutzen. Ergo sollte man einen Mahner wie Hrdlicka nicht pauschal verurteilen und verteufeln, sondern u.U. zum Anlass nehmen, um sich bewusst zu werden über die alltäglichen Bosheiten und Gemeinheiten, die jedem von uns begegnen können.

Eine solche Mahnung sollte Anlass sein, sich selbst einmal zu hinterfragen, in wie weit wir versucht werden könnten, faschistoide Tendenzen in unserem Umfeld zu ignorieren und zu tolerieren, oder in wie weit wir bereit sind, solchen Tendenzen mit beherzter Zivilcourage entgegenzutreten. Beispiele gibt es mit Sicherheit genug, wo wir einfach wegschauen und nicht den Mut aufbringen, klare Stellung zu beziehen, weil es einfach gerade nicht opportun erscheint. Das betrifft z.B. ausländerfeindliche Äußerungen, diskriminierende Äußerungen bezüglich irgendwelchen Minderheiten, Arbeitslosen etc.

Die Frage müssen wir uns alle stellen, ob wir, wenn wir z.B. aus irgendeinem Anlass in eine Gesellschaft geraten, wo kollektiv mit solchen diskriminierenden Äußerungen um sich geworfen wird, die Kraft haben, dem entgegenzutreten, oder ob wir in dem Fall einfach schweigen oder sogar versucht sind, um nicht aufzufallen oder um nicht selber diskriminiert zu werden, diesen Äußerungen sogar zustimmen, um heil aus der Sache rauszukommen ?

An dieser Stelle fängt nämlich irgendwo das Mitläufertum an und je öfter wir in solchen Situationen schweigen, tolerieren oder gar zustimmen zu dem dummen Gerede, um so mehr geraten wir selbst in Gefahr, davon infiziert zu werden. Darüber sollten wir uns bewusst werden und Mahnungen und Warnungen nicht einfach in den Wind schlagen.

Natürlich gibt es in Deutschland oder in Wittlich weder 50% Faschisten, noch 50 % faschistoide Mitläufer, wie Hrdlicka provokant behauptet. Dass es aber welche gibt, wie viel oder wie wenig es auch sein mögen (dies entzieht sich meiner Kenntnis, darüber gibt es aber seriöse Studien), bleibt unbestritten. Dafür zu sorgen, dass es nicht mehr werden, gerade angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise, Betrügereien und Skandale in unserer Republik, ist die Aufgabe von uns allen. Weiterhin sollten wir wachsam sein und solchen Tendenzen mutig entgegentreten.

In dem Zusammenhang möchte ich hinweisen auf die Bedeutung von Glaubensbekenntnissen, Gedenkarbeit und Ritualen. Genauso wie wir z.B. als Christen in unserem Glaubensbekenntnis, im Vaterunser und Ave Maria (äquivalent dazu auch in anderen Religionen) uns bekennen zu klaren Glaubenssätzen und diese in ritualisierten Formen in Gemeinschaft ausüben und bekräftigen, so sollten wir in der Gedenkarbeit bezüglich aller Opfer des Naziregimes unsere Glaubensätze dahingehend bekennen, ritualisieren und in Gemeinschaft ausüben und bekräftigen, dass wir nie wieder ein Terror-Regime ermöglichen wollen, das zu solchen menschenverachtenden Taten imstande ist und dass wir wirklich alles tun müssen, um eine solche Möglichkeit für immer auszuschließen und zu verhindern, und zwar im Sinne aller Menschen, egal welcher Herkunft, Geschlecht oder Couleur. Dafür brauchen wir klare Glaubensbekenntnisse und nicht irgendwelche beliebigen Lippenbekenntnisse.

 

 

Wittlich – Stolpersteine: Zulassen und Loslassen ! Gedanken zur Modernisierung, Demokratisierung und Pluralisierung der Gedenkarbeit in Wittlich

Wittlich – Stolpersteine: Zulassen und Loslassen ! Gedanken zur Modernisierung, Demokratisierung und Pluralisierung der Gedenkarbeit in Wittlich

++ Stephan Henkel ++ Trierer Str. 2 ++ D-54516 Wittlich ++ Tel. 06571-923146 ++

++ e-mail: stephhenkel@web.de ++ http://www.buddha-dream.de ++

Betr.:  Kommentar zum TV-Artikel über die Stolpersteine, „Trierer Beispiel“:

Stephan Henkel schrieb am 10.03.09, 02:39 Uhr als Kommentar zum TV-Artikel:

„Richtig so ! Wir sollten uns auch in Wittlich an praktischen und gelebten Erfolgen orientieren, wie es das Trierer Beispiel eindeutig beweist und uns nicht verrückt machen lassen von ängstlichen Zauderern und Haderern, deren Hintergründe und Motive äußerst flatterhaft und schleierhaft erscheinen und wo am Ende Keiner weiß, welch Geistes Kind sie sind.“

siehe: http://www.volksfreund.de/totallokal/wittlich/aktuell/Heute-in-der-Wittlicher-Zeitung-Wittlich-Gedenkprojekt-Stolpersteine-Nationalsozialismus-Judentum-Opfer;art8137,2005403

Brief an Henkel als Antwort auf den Kommentar zum TV-Artikel: Stolpersteine

Sehr geehrter Herr Henkel,

 

ich lese Ihre Beiträge zur Wittlicher Kommunalpolitik und der Bürgermeisterfrage mit ein gewissen Aufmerksamkeit und erkenne meist eine argumentativ differenzierte Darstellung.

Umso mehr wundert mich Ihr Kommentar zum heutigen TV-Artikel zu den „Stolpersteinen“.

 

Dass sie dafür sind, damit habe ich keinerlei Probleme.

 

Das Trierer Beispiel „beweist“ gar nichts. Wohl zeigt es, dass für die Trierer Situation, die sich in vielem von der in Wittlich unterscheidet, die „Stolpersteine“ ein brauchbarer Ansatz für eine Vertiefung der Gedenkarbeit (die im übrigen auf einer sehr breiten Basis steht) war und ist, weil dort sehr engagierte „Gedenkarbeiter“ am Werk sind. Ob das in Wittlich sich so entwickeln würde, wo ziemlich aktuell Leute ihr Gedenk-Interesse entdeckt zu haben scheinen, erscheint mir zumindest hinterfragbar. Aber auch die Trierer Praxis widerlegt nicht grundsätzliche Einwände, wie wir sie in unserer Stellungnahme ebenfalls ausführlich begründet haben.

 

Offenbar haben auch Sie noch nicht verstanden, dass es dem Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde Wittlich“ vor allem auch um die spezifische Wittlicher Situation des Gedenkens geht?

 

Ist das Ihr politischer Umgangsstil, Kritiker, die nachvollziehbare Argumente vorbringen,  als  „ängstliche Zauderer und Haderer“ zu diffamieren, um dann noch völlig unangebracht über deren angeblich so flatterhafte und schleierhafte Motive zu spekulieren?  So etwas haben wir zuletzt von Herrn Bußmer zu hören bekommen. Soll ich jetzt verstehen, wie sehr Sie ihn zurückwünschen?

Was soll dieser blödsinnige Satz, man wüsste am Ende nicht,  „welch Geistes Kind sie sind“? In welche Ecke wollen Sie uns denn stellen?

 

Haben Sie da vielleicht in der Vergangenheit etwas nicht mitbekommen, was hier in Wittlich getan wurde.

 

Das müssen Sie mir mal erklären.

 

Das war ein böser Schnellschuss von Ihnen. Offenbar sind auch Sie in dieser Geschichte nur noch interessiert, so weit sie als Machtfrage behandelt wird.

Ich habe Thomas Zuche schon letzte Woche gesagt,  dass die Trierer Stellungnahme endlich einmal einen inhaltlichen Beitrag darstellt,  der die Wittlicher Diskussion weiter bringen kann.  Ihm geht es wirklich nicht darum, sich am Wittlicher Machtspielchen zu beteiligen.  Da dürfen Sie gerne in Trier nachfragen.

In diesem Sinne

 

XXXXXXXXXXXXXXXX PS: Herrn Zuche zur Kenntnisnahme weitergeleitet

Antwort von Henkel:

Sehr geehrter Herr XXXXXXX,

es tut mir aufrichtig leid, wenn durch meinen Kommentar der Eindruck entstanden sein könnte, dass hier irgend jemand diffamiert werden sollte. Das lag mit Sicherheit nicht in meiner Intention. Mein Kommentar war auch nicht intendiert als ein böser Schnellschuss oder gar als eine Imitation des Stils des amtierenden Bürgermeisters Bußmer. Ich gebe Ihnen dahingehend Recht, dass man diese Angelegenheit sachlich und argumentativ differenziert behandeln sollte.

Damit, dass Sie sich gegen die Stolpersteine, aufgrund der von Ihnen zitierten spezifischen Situation der Gedenkarbeit in Wittlich, aussprechen, habe ich ebenfalls kein Problem. Im Übrigen habe ich die vielschichtigen Ausführungen und Beiträge, die Sie mir freundlicherweise zukommen ließen, sehr aufmerksam durchgelesen und verinnerlicht, so dass mir Ihre Argumente bezüglich der spezifischen Situation der Gedenkarbeit in Wittlich durchaus präsent sind.

Des weiteren respektiere und unterstütze ich das Wirken der engagierten „Gedenkarbeiter“ in Wittlich. Ich kann auch durchaus nachvollziehen, dass Ihrer Ansicht nach die „Trierer Praxis“ nicht grundsätzlich Ihre Einwände widerlegt, wie Sie in Ihrer Stellungnahme ausführlich begründet haben. Weiterhin habe ich sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig sehr wohl mitbekommen, was in Wittlich in Sachen Gedenkarbeit geleistet wurde und was mir im Übrigen äußerst lobenswert erscheint.

Ich freue mich und bedanke mich dafür, dass meine Beiträge zur Wittlicher Kommunalpolitik und zur Bürgermeisterfrage eine gewisse Aufmerksamkeit Ihrerseits finden, die ich natürlich auch nicht entbehren möchte.

Wie Sie wahrscheinlich aus dem oben Gesagten erkennen können, liegen wir in der Einschätzung der bisherigen guten Gedenkarbeit in Wittlich gar nicht einmal sehr weit auseinander. Darum möchte ich nach dieser sachlich und argumentativ differenzierten Einleitung meinen Kommentar im Folgenden, zum besseren Verständnis, begründen, wobei ich gerne bereit bin, die eine oder andere, von Ihnen als Solche empfundene, Schärfe zurückzunehmen:

Die letzte Passage des TV-Artikels über das Trierer Beispiel und die Stolpersteine hat mich sehr beeindruckt und überzeugt:

„Die vom Wittlicher Arbeitskreis „Jüdische Gemeinde“ befürchtete „Verengung und Entpolitisierung des Gedenkens“, könne man aus Trierer Sicht nicht bestätigen. Man biete regelmäßig Rundgänge „Stolpersteine erzählen“ an. Allein das erste Angebot dieser Art hätten über 70 Interessenten wahrgenommen. Dabei würden die Biografien der Opfer ebenso vorgestellt, wie der Bogen zu aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rechtsextremismus geschlagen werde. Auch habe man eine Broschüre aufgelegt, deren 1000 Exemplare schnell vergriffen gewesen seien. Thomas Zuche erklärt: „Nicht jeder wird die Stolpersteine beachten. Aber sie fallen Einzelnen immer wieder auf, und dann sind sie nach unserer Erfahrung oft nachhaltiger als andere Gedenkstätten.“

Ich persönlich fände ein Angebot in Wittlich für solche regelmäßigen Rundgänge „Stolpersteine erzählen“, wo Biografien der Opfer vorgestellt und der Bogen zu aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus und Rechtsextremismus geschlagen wird, als äußerst bereichernd für die Wittlicher Gedenkarbeit. Es sollte nicht nur als ein aktuelles Phänomen bzw. als eine vergängliche Modeerscheinung angesehen werden, dass „aktuell Leute ihr Gedenk-Interesse entdeckt zu haben scheinen“, sondern solche Rundgänge sollten meines Erachtens fester, nachhaltiger und dauerhafter Bestandteil der Gedenkarbeit in Wittlich werden. Dazu passt eine ansprechende Broschüre sehr gut, die allerhöchst wahrscheinlich auch in Wittlich schnell vergriffen sein dürfte.

Ich denke, wir sollten uns alle außerordentlich freuen über das, von ihnen zitierte, „aktuell entdeckte Gedenk-Interesse vieler Leute“. Das sollte uns jedoch keinesfalls suspekt erscheinen, wie ich aus Ihrer Formulierung dieser Satzpassage zwischen den Zeilen herauslesen kann, sondern im Gegenteil, wir sollten dieses aktuelle Interesse im Sinne des Trierer Beispiels fördern und nachhaltig weiter ausbauen, so dass wir von einer Demokratisierung durch Partizipation sprechen können, was keinesfalls zu verwechseln ist mit Trivialisierung oder gar Banalisierung der Gedenkarbeit.

Hier komme ich übrigens genau auf den Punkt der Kritik und der relativen Schärfe in meinem Kommentar, bezogen auf die Gegner der Stolpersteine in Wittlich:

Meiner Ansicht nach sollte es keinesfalls eine Hegemonisierung einzelner Gruppen oder Fraktionen bezüglich der Gedenkarbeit geben dahingehend, dass u.U. ein harter Kern von hegemoniesüchtigen und pluralitätsfeindlichen Aktivisten mit missionarischem Eifer ein Monopol und Alleinvertretungsrecht auf die Gedenkarbeit in Wittlich postuliert und somit verhindert, dass die Gedenkarbeit in Wittlich pluralistisch, demokratisch und solidarisch reformiert, erweitert und durch neue und innovative Ideen und Aktionen bereichert und zukunftssicher gemacht werden kann.

Dies mag zwar dem einen oder anderen Gedenkarbeiter, der sich seit Jahren durch aufopferungsbereiten Einsatz in der Sache verdient gemacht hat, undankbar erscheinen, sollte aber keinesfalls Erbitterung hervorrufen oder gar zur Folge haben, dass der Einsatz verringert oder aus Frustration eingestellt wird, sondern im Gegenteil:

Diese Kritik, die auf den einen oder anderen in diesem Zusammenhang zutreffen mag, sollte ein Ansporn sein, sich zu öffnen für Innovationen und neue Ideen und auch für neue Menschen, die die Gedenkarbeit bereichern, die Fahne weitertragen und die Gedenkarbeit nachhaltig in unserer Gesellschaft verankern. Eifersüchteleien und Zänkereien sind hier ein schlechter Ratgeber. Es geht um die Vielschichtigkeit der Gedenkarbeit, die nicht auf dem Altar einer rituellen Beschwörung eines imaginären goldenen Kalbes geopfert werden sollte und sich erschöpft in der Verteidigung eines starren Erbes, das den Übergang zu modernen und zeitgemäßen Formen der pluralistischen Gedenkarbeit verhindert.

Zum Schluss komme ich zu der von Ihnen zitierten Machtfrage und den von Ihnen aufgeführten Machtspielchen:

Es handelt sich um ein offenes Geheimnis, dass der Wittlicher Kulturamtsleiter Dr. Justinus Maria Calleen, unterstützt durch die Vertreter der SPD und der Grünen, die Stolpersteine nach Wittlich bringen will, wohingegen die CDU als auch die FDP und die FWG sich eher dagegen aussprechen. In anbetracht der kürzlich erfolgten böswilligen Attacken auf Dr. Calleen und der in meinen Augen skandalösen Streichung der Stelle des Kulturamtsleiters in Wittlich stellt sich hier schon die Frage nach der Macht:

konservative Kräfte in dieser Stadt benutzen ihre Macht – und versuchen mit aller Macht, die Stolpersteine in Wittlich zu verhindern und sowohl die Gedenkarbeit als auch die Kunst- und Kulturarbeit von Dr. Calleen in populistischer Weise zu attackieren und zu diskreditieren – zum Zwecke der Macht. Dabei geht es in keinster Weise um eine argumentativ differenzierte Darstellung und Auseinandersetzung mit der Materie, sondern dabei geht es, wie Sie richtiggehenderweise formuliert haben, um reine Machtspielchen und um die Hegemonie am Stammtisch zwecks populistischer Stimmungsmache zu Wahlzwecken.

Ich denke mal, jetzt dürfte es Ihnen langsam dämmern, wen ich mit meiner Kritik gemeint habe und wer der eigentliche Adressat meiner Kritik ist. Es kommt letztendlich nur darauf an, wer sich davon angesprochen fühlt. Natürlich sind wir im Wahlkampf, natürlich bin auch ich im Wahlkampf und da muss man sich eindeutig positionieren und Stellung beziehen. Es wäre letztendlich Keinem gedient, wenn ich hier „herumeiern“ und in opportunistischer Weise nichtssagende und leere Phrasen dreschen würde, die man dann beliebig auslegen kann. So tut man Keinem weh, kann sich jederzeit drehen im Wind wie man will, ist kaum angreifbar und macht es Jedem recht, d. h. man kann jederzeit beliebig jede Art von Klientel bedienen.

Letztendlich können wir es uns auch nicht leisten, das Thema Stolpersteine monatelang und jahrelang weiterzukochen, geschweige denn ein solches Thema im Wahlkampf zu instrumentalisieren, zu polarisieren oder zu popularisieren. Dafür ist das Thema zu ernst und die Pietät gegenüber den Opfern, denen wir schließlich gedenken, gebietet es uns, dieses Thema strikt aus dem Wahlkampf herauszuhalten.

Aus diesem Grunde bitte ich Sie, der Sie sich sachlich, argumentativ und differenziert mit der Gedenkarbeit in Wittlich auseinandersetzen und sich engagiert für die Gedenkarbeit einsetzen, einfach mal ein bisschen loszulassen und zuzulassen, dass die Gedenkarbeit in Wittlich modernisiert, demokratisiert und pluralistisch angelegt werden kann und, mit etwas frischer Farbe versehen, nicht in starren Mustern und Formen verharrt.

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Henkel

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Stephan Henkel, Trierer Str. 2, D-54516 Wittlich, Tel. 06571-923146, stephhenkel@web.de